Grundlagen zur Unternehmensbewertung

Gegenstand der Unternehmensbewertung ist die Wertermittlung eines Unternehmens oder von Anteilen an einem Unternehmen. Die Perspektive ist in der Regel die Sicht aller oder einzelner Eigentümer des Unternehmens. Zum theoretischen Hintergrund einer korrekten Unternehmensbewertung gibt es einen umfangreichen Fundus an Fachliteratur. Hervorgehoben sei hier der Bewertungsstandard IDW S1 des IDW (Institut der Wirtschaftsprüfer), in dem die Grundlagen der Bewertung aus Sicht des Anwenders dargelegt und für Wirtschaftsprüfer verbindlich geregelt werden. Daneben gibt es zahlreiche theoretische Abhandlungen zur korrekten Ermittlung des Unternehmenswertes sowie kapitalmarkttypische Anwendungsmuster.

Wir werden uns im folgenden auf jene Themen beschränken, die in der täglichen Bewertungspraxis die größte Relevanz, d.h. den größten Wert-Effekt haben. Zugleich werden Punkte hervorgehoben, die für den Bewerter in der praktischen Anwendung von bestmöglichem Nutzen sind. Dabei ist von entscheidender Relevanz in welchem Kontext die Bewertung erfolgt, d.h. worin besteht der Bewertungsanlass und welche Rolle nimmt der Bewerter ein. Daher wird auf beide Rahmenbedingungen kurz eingegangen.

 

Bewertungsanlass

Der Anlass für eine Unternehmensbewertung kann vielfältiger Natur sein. Hierzu zählen u.a. die Fundierung unternehmerischer Entscheidungen, die Wertfeststellung aufgrund gesetzlicher Vorschriften oder Bewertung aufgrund vertraglicher Vereinbarungen.

Zur Fundierung unternehmerischer Entscheidungen zählen u.a. Bewertungen im Zusammenhang mit Wirtschaftlichkeitsrechnungen und Investitionsentscheidungen sowie deren Finanzierung, der Kauf- und Verkauf von Unternehmen und Börsengänge sowie grundsätzliche Fragestellungen der wertorientierten Unternehmensführung.

Gesetzliche Bewertungsanlässe ergeben sich aus Bewertungsstandards der externen Rechnungslegung (HGB, IFRS etc.) oder der Steuergesetzgebung. Gegenstand ist regelmäßig, Unternehmen oder unternehmensähnliche Bewertungseinheiten einmalig oder regelmäßig zu bewerten. Hierunter fallen u.a. Bewertungen im Rahmen der Erstkonsolidierung (z.B. Kaufpreisallokation) oder Folgebewertung (Impairmenttest).

Bewertungen aufgrund gesellschaftsrechtlicher Regelungen ergeben sich insbesondere aus den aktienrechtlichen Regelungen zum Abschluss von Unternehmensverträgen bzw. zur Eingliederung oder zum Squeeze Out (Ermittlung des angemessenen Ausgleichs, der Abfindung in Aktien sowie der Barabfindung). Darüber hinaus sieht z.B. das Umwandlungsgesetz die Ermittlung von Barabfindungen sowie von Umtauschverhältnissen im Zusammenhang mit der Prüfung des Verschmelzungs- bzw. Spaltungsberichts vor.

Bewertungen auf vertraglicher Grundlage erfolgen insbesondere beim Eintritt und Austritt von Gesellschaftern aus einer Personengesellschaft, bei Erbauseinandersetzungen und Erbteilungen sowie bei Abfindungsfällen im Familienrecht.

 

Zur Rolle des Bewerters

Die gängigen Standards zur Unternehmensbewertung, zu vorderst ist hier der IDW S1 des IDW zu nennen, kennen verschiedene Rollen des Bewerters. Hierzu zählen in aller Regel die Rolle als neutraler Gutachter, als Berater und als Schiedsgutachter/Vermittler.

In der Funktion als neutraler Gutachter agiert ein Unternehmensbewerter, wenn er mit nachvollziehbarer Methodik einen von den individuellen Wertvorstellungen betroffenen Parteien unabhängigen Wert des Unternehmens ermittelt. Man spricht in diesem Zusammenhang vom sogenannten objektivierten Unternehmenswert.

In der Beratungsfunktion stellt der Bewerter einen subjektiven Entscheidungswert fest. Dieser kann beispielsweise die individuellen Rahmenbedingungen, z.B. der Besteuerung, oder die Erwartung an die Unternehmensentwicklung berücksichtigen. Häufig werden im Rahmen dieser subjektivierten Unternehmenswertermittlung auch Preisober- oder -untergrenzen aus Sicht eines Käufers oder Verkäufers im Rahmen einer Transaktion ermittelt.

In der Rolle als Schiedsgutachter/ in Vermittler-Funktion fällt dem in einer Konfliktsituation hinzugezogenen Bewerter die Rolle zu, unter Berücksichtigung der verschiedenen subjektiven Wertvorstellungen der beteiligten Parteien einen Einigungswert zu ermitteln bzw. diesen als Vermittler vorzuschlagen.

Eine zumindest mittelbare Verknüpfung zwischen Bewertungsanlass und Rolle des Bewerters liegt nahe. So impliziert eine Fundierung unternehmerischer Entscheidungen häufig die Ermittlung eines Entscheidungswertes. Im Zusammenhang mit gesetzlicher Bewertung steht die Ermittlung eines objektivierten Unternehmenswertes regelmäßig im Vordergrund. Ein kausale Verknüpfung muss es dennoch nicht zwangsläufig geben, beispielsweise kann auch für unternehmerische Initiativen ein objektivierter Wert in einem ersten Schritt ermittelt werden, um hiernach einen Entscheidungswert zu ermitteln.

Lesen Sie weiter in "Theoretische Grundlagen zur Unternehmensbewertung II"

 

Weiterführende Literatur

Ballwieser, Wolfgang: Unternehmensbewertung: Prozess, Methoden und Probleme, 3. Auflage, 2011. ISBN 978-3791029399

Damodaran, Aswarth: Investment valuation, 2002, ISBN 978-0-471-41490-2

Drukarczyk, Jochen/Schüler Andreas: Unternehmensbewertung, 6. Auflage, 2009. ISBN 978-3800636365

Kruschwitz, Lutz: Unternehmensbewertung für die Praxis: Fragen und Antworten, 2009, ISBN 978-3791027555

Spremann, Klaus:Valuation, Grundlagen moderner Unternehmensbewertung, 2004, ISBN 978-3486275629

Der Autor

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Peter Schmitz

Peter Schmitz war ab 2000 in Frankfurt/Main bei Corporate Finance Partners tätig. 2003 wechselte er in die Konzernleitung der Deutsche Bahn AG in den Bereich Corporate Finance. Hier war er als Leiter des Kompetenzzentrums „Unternehmensbewertung“ tätig.